Eine wahre Geschichte

Ein Film von David Lynch

Mit Richard Farnsworth, Sissy Spacek, James Cada u. a.

Christinas Meinung:

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Alvin Straight (Robert Farnsworth) ist 79 und lebt in einem kleinen Nest in Iowa. Als sein Bruder Lyle, mit dem er seit zehn Jahren kein Wort gewechselt hat, einen Schlaganfall erleidet, will er ihn unbedingt sehen, um sich mit ihm zu versöhnen. Da gibt es nur ein Problem. Lyle lebt in Wisconsin, über 400 Meilen weit weg, und Alvin hat wegen seiner schlechten Augen schon längst keinen Führerschein mehr. Weil er ein unabhängiger Querkopf ist, bastelt er sich einen Anhänger für seinen Rasenmäher und macht sich mit dem ungewöhnlichen Gefährt auf den Weg. Beim ersten Anlauf kommt er nicht weit, aber davon lässt sich ein Alvin Straight nicht entmutigen. Er besorgt sich einen neuen Rasenmäher und versucht es einfach noch einmal, und so beginnt eine außergewöhnliche Reise durch das amerikanische Hinterland, fernab von den Orten, die Touristen normalerweise zu Gesicht bekommen.

Alvin Straight gab es wirklich. Drehbuchautorin Mary Sweeney entdeckte die Geschichte seiner ungewöhnlichen Reise 1994 in der New York Times. Laut der offiziellen Webseite haben sich die Dreharbeiten mehr oder weniger in demselben zeitlichen Rahmen abgespielt wie damals die Reise des echten Alvin. Herausgekommen ist dabei ein ruhiger, reifer Film, den ich nicht sofort mit David Lynch in Verbindung gebracht hätte.

Der Film besticht vor allem durch zwei Dinge: die ausdrucksvolle Bildersprache und das stille, würdevolle Spiel von Robert Farnsworth. Sein Alvin Straight muss keine Platitüden spucken, um zu zeigen, dass er weise ist, und für ihn ist es wichtig, aus eigener Kraft dahin zu kommen, wo er hin will. Dank Farnsworth wirkt er nie lächerlich, wenn er auf seiner komischen kleinen Maschine durch die Lande zieht.

Zu Beginn des Films erfährt der Zuschauer alles, was er über Alvins Heimatstadt wissen muss, fast ohne dass ein Wort gesprochen wird, nur durch Kameraschwenks über die Kornfelder und die menschenleere Hauptstraße. Hier hat man es nie eilig, und niemand erwartet, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Und selbst wenn das doch einmal der Fall ist, nimmt man es gelassen auf.

Nachdem man Alvin und seine etwas zurückgebliebene Tochter Rose (Sissy Spacek) kennengelernt hat, begibt man sich mit ihm auf die Reise. Es dauert eine Weile, bis man sich an das Schneckentempo des Rasenmähers gewöhnt hat, der selbst von Fahrrädern mühelos überholt werden kann, und als es endlich gelungen ist, rast das Gefährt einen Hang hinunter, und für einen kurzen Moment hat man den Eindruck, in einem außer Kontrolle geratenen Rennwagen zu sitzen. Geschwindigkeit ist relativ. Vom Straßenrand aus betrachtet, war auch das noch eine vergleichsweise gemütliche Fahrt.

Auch wenn Alvin auf seiner idyllischen Fahrt freundliche Menschen trifft, die ihm weiterhelfen, gleitet der Film nicht in eine kitschige Idealisierung des Landlebens ab. Man kann einiges aus Alvins Geschichte lernen, und er lässt auch die Menschen, denen er begegnet, daran teilhaben, aber nie wird man mit aufdringlichen Moralpredigten konfrontiert. EINE WAHRE GESCHICHTE ist ein nachdenklicher Film über das Leben und das Altwerden mit einem Helden, der in der heutigen Kinolandschaft Seltenheitswert hat.

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Zuletzt aktualisiert am: Mittwoch, 07. September 2005

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