Harry Potter und der Stein der Weisen

Ein Film von Chris Columbus

Mit Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Maggie Smith, Richard Harris, Alan Rickman, Ian Hart, Robbie Coltrane u.a.

Christinas Meinung:

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Eins gleich vorweg: Ich habe mich schon vor einiger Zeit mit dem Harry-Potter-Virus angesteckt, und wenn ich mich auch nicht zu den ganz besonders eifrigen Fans zähle, habe ich doch die Bücher mehrmals gelesen und habe mir den Film angesehen, weil ich neugierig war, wie die Geschichte auf die Leinwand gebracht wurde. Genau darum geht es mir auch bei dieser Kritik. Ich mache erst gar nicht den Versuch, den Film als eigenständiges Werk zu beurteilen und gehe davon aus, dass die Handlung bereits bekannt ist, und wer sich diesbezüglich überraschen lassen will, sollte lieber nicht weiterlesen. Ich weiß auch, dass Hermione auf dem Weg zu den deutschen Lesern ihr o verloren hat und verwende ihren richtigen Namen, um meine Missbilligung auszudrücken.

An seinem elften Geburtstag wird Waisenjunge Harry Potter (Daniel Radcliffe) aus seinem tristen Dasein bei seinen Verwandten, den spießigen Dursleys, befreit. Der riesenhafte und gutmütige Hagrid (Robbie Coltrane) eröffnet ihm, dass seine Eltern, an die er sich nicht mehr erinnern kann, Zauberer waren und dass es nun für ihn Zeit ist, im magischen Internat Hogwarts die Fähigkeiten zu erlernen, die man als Zauberer so braucht. Harry entdeckt eine neue Welt, in der er zum ersten Mal in seinem Leben Freunde hat und erfolgreich ist. Unter Zauberern ist Harry eine Berühmtheit, weil die Schreckensherrschaft des bösen Zauberers Voldemort endete, als der versuchte, Baby Harry zu töten. Nur Professor Snape (Alan Rickman), der die Hogwarts-Schüler im Brauen von Zaubertränken unterweist, scheint etwas gegen Harry zu haben. Harry und seine Freunde Ron Weasley (Rupert Grint) und Hermione Granger (Emma Watson) hingegen sind überzeugt, dass Snape vorhat, den in Hogwarts versteckten Stein der Weisen für seine eigenen finsteren Zwecke zu stehlen.

Den Vorstellungen von Millionen Harry-Potter-Fans auf der ganzen Welt gerecht zu werden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Chris Columbus, dem Macher solch flacher, mit Slapstick bis zum Bersten vollgestopfter Hollywood-Komödien wie MRS. DOUBTFIRE und KEVIN – ALLEIN ZUHAUS, habe ich das schon gar nicht zugetraut. Aber er hat mich angenehm überrascht.

Ein Buch kann man natürlich nicht einfach so abfilmen, ob es sich nun um Harry Potter oder etwas anderes handeln mag. Columbus und Drehbuchautor Steven Kloves (WONDER BOYS) hätten da ruhig noch ein wenig mutiger sein können. Vieles haben sie sehr gekonnt gestrafft oder dem anderen Medium angepasst, wie Harrys Leben bei den Dursleys oder die Episode um Hagrids Drachenbaby Norbert. Im ersten Teil der Potter-Saga musste natürlich auch das Fundament für den Rest der Serie gelegt werden. Schon allein deshalb ist es schwierig, den Film als eigenständiges "Gesamtkunstwerk" zu betrachten. Eine große Anzahl an Figuren musste eingeführt werden, die dann nur eine halbe Sekunde im Rampenlicht hatten und kaum an Kontur gewinnen konnten. Wenn man hier etwas weniger darauf aus gewesen wäre, den Lesern ihre Wiedersehensmomente zu verschaffen, hätte es dem Erzählfluss vielleicht gut getan.

Die erwachsenen Schauspieler kamen größtenteils direkt von J. K. Rowlings Wunschliste und waren in meinen Augen so perfekt besetzt, wie man es sich nur wünschen kann. Ich hoffe, dass uns vor allem Maggie Smith als Professor McGonagall, Alan Rickman als Professor Snape und Robbie Coltrane als Hagrid für weitere Filme erhalten bleiben. Die drei jungen Hauptdarsteller zeigen, dass sie nicht nur äußerlich die Anforderungen ihrer Rollen erfüllen. Daniel Radcliffes zurückhaltender Harry verblasst fast ein wenig neben Rupert Grints sympathischen Ron und Emma Watsons energischer Streberin Hermione, aber alle drei werden ihren Figuren gerecht. Nur die Entwicklung ihres Verhältnisses zueinander kommt zwischen der Darstellung des Hogwarts-Schulalltags und der Abenteuer, die sie zu bestehen haben, etwas zu kurz. Was Harrys übrige Mitschüler angeht, so haben die Macher sich ein wenig verzettelt und einiges gestrichen, was eigentlich für die Geschichte unverzichtbar war, wie die Entwicklung, die der schüchterne Neville Longbottom (Matthew Lewis) durchmacht, oder die erbitterte Rivalität nicht nur zwischen Harry und Draco Malfoy (Tom Felton) sondern auch zwischen ihren Häusern, Slytherin und Gryffindor. Insgesamt sind Humor und Satire ein wenig zu oft abhanden gekommen, ohne dass dafür ein triftiger Grund zu erkennen gewesen wäre. Vor allem Harrys Mentor Dumbledore (Richard Harris) wurde zu einem ziemlich langweiligen weisen Mann im Hintergrund degradiert. Nur in einer Szene hatte die Filmfigur etwas mit dem augenzwinkernden Magier aus dem Buch gemein.

Der Film ist vor allem eines: schön anzusehen. Hogwarts ist fast genau so erstanden, wie ich es mir beim Lesen vorgestellt hatte. Gleiches gilt für das Haus der Dursleys, die Zauberer-Fußgängerzone Diagon Alley (alias Winkelgasse) und die Goblin-Bank Gringotts. Ich würde den Film schon deshalb immer wieder ansehen, um noch das letzte Detail der Kulissen, die Stephanie McMillan unter den wachsamen Augen J. K. Rowlings entworfen hat, in mich aufzusaugen.

Ein solcher Film kommt heute natürlich nicht mehr ohne Computeranimationen aus. HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN hat unter anderem einen furchterregenden Troll und den formidablen dreiköpfigen Hund namens Fluffy zu bieten. Das rasante Quidditch-Spiel war jedoch eher enttäuschend. Auch Nevilles unfreiwilliger Ritt auf dem Besen war zu offensichtlich auf Showeffekt angelegt, sah aber nicht mal besonders gut aus. Man muss den Machern dennoch zugute halten, dass sie der Versuchung widerstanden haben, sich nur von einem Special Effect zum nächsten zu hangeln.

Was im Film zu kurz kam, war die Präsenz des Erzschurken Voldemort, der eben doch mehr ist als ein cooler Special Effect. In den Büchern sind die Erinnerung an seine Schreckensherrschaft und seine drohende Wiederkehr der Fokus, der die Geschichte zusammenhält. Das wurde im Film von Anfang an vernachlässigt. Obwohl in einer Rückblende angedeutet wird, wie Voldemort Harrys Eltern tötet, geht Harrys besondere Bedeutung irgendwie unter. Auch Harrys Angst, dieser Bedeutung nicht gerecht zu werden und aus der neuen Welt, die er gerade erst zu entdecken beginnt, wieder ausgeschlossen zu werden, kommt nicht rüber.

HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN ist mehr als nur der Film zur Actionfigur, aber nicht mehr als der Film zum Buch. Braucht man das? Ich weiß es nicht. Mir hat’s gefallen, und ich warte auf die Fortsetzung.

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Zuletzt aktualisiert am: Donnerstag, 18. Dezember 2008

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